Von Alex Oberholzer
Auf einem Zeltplatz, so stelle ich mir vor, passiert die Hälfte outdoor. Und indoor ist es eng, holprig und unbequem, je nach Wetter auch noch nass, schlammig und schmutzig. Und jetzt diese Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, zwei Zeltplätze auf ihre Zugänglichkeit zu testen. Und noch bevor ich ablehnen konnte – dieses charmante Angebot, mich zu begleiten.
Nein, absagen ging definitiv nicht mehr. Zudem wurde mir sofort klargemacht, ich müsse im Fall nicht zelten, es gäbe sogenannte Bungalows, eigens konstruiert und aufgestellt für Menschen im Rollstuhl. Mit WC und Dusche, ganz für mich allein. Es gab beim besten Willen keinen Grund mehr, mich zu drücken.
Also stürzte ich mich frohgemut, aber noch immer voller Zweifel in das Abenteuer. Schon beim Packen diese Unsicherheit: Gibt es dort Wäsche? Brauche ich einen Schlafsack? Einen solchen besitze ich nicht mal. Oder eine Taschenlampe? Gar ein Survival Kit? Sowas kannte ich nur aus dem Katalog.
Als erstes ging es nach Flaach. Ich war schon einige Male dort zum Spargelessen, aber ich hatte keine Ahnung, dass es dort auch einen Zeltplatz gibt. Das Navi lotste uns durchs Dorf und weiter in die wunderschöne Landschaft der Thurauen. Und dort, prachtvoll gelegen im grössten Auengebiet des Schweizer Mittellandes, öffnete sich dieser Zeltplatz.
Wie gross er ist, bemerkten wir erst bei der Begehung respektive Berollung. Angelegt auf verschiedenen Niveaus und geschickt bepflanzt mit Bäumen und Büschen, hat man überall das Gefühl, man befände sich auf einem fast privaten Gelände. Auffallend auch der gepflegte Rasen. Mit dem Rollstuhl fühlte es sich an, als gleite ich über einen Teppich. Es sei der Vater der Zeltplatzwartin, der ihn seit Jahrzehnten liebevoll und höchst professionell pflege, erfuhr ich später.
Die Seele von Flaach
Wenn ein Zeltplatz eine Seele, ein Gesicht hat, dann ist es das Gesicht, die Seele von Corinne Gisler. Sie, die Zeltplatzchefin, macht ihren Job mit Freude, mit Engagement, mit sehr viel Herz. Und das in dritter Generation. Sie begrüsst ihre Kundschaft mit Namen, erzählt von Erlebnissen mit Gästen, als wären es ihre Freundinnen und Freunde. Persönlich führte sie uns zu den beiden eigens für Menschen im Rollstuhl umgebauten Bungalows, von denen ich eines testen durfte.
Eine sanft ansteigende Rampe führt hinauf auf eine kleine gedeckte Terrasse. Ideal, um auch bei schlechtem Wetter draussen zu speisen, zu lesen oder einfach zu verweilen. Stufenlos gelangt man von dort hinein in eine Stube mit kleiner Küche. Auf der einen Seite schliessen sich zwei Zimmer an, eines mit einem Doppel- und einem Pflegebett, das andere mit zwei höhenverstellbaren Pflegebetten.
Auf der anderen Seite geht es in die Nasszelle mit WC, ausgerüstet mit stabilen Haltegriffen links und rechts, Dusche mit Klappstuhl und unterfahrbarem Lavabo. Perfekt ausgerüstet für Menschen im Rollstuhl. Man merkt bei jedem Detail, dass sich der TCS, welcher diesen und andere Zeltplätze betreibt, von den Profis der Stiftung Cerebral hat beraten lassen. Selbst als anspruchsvoller und zuvor noch zweifelnder Kunde war ich sofort begeistert. Das ist kein Schnellschuss, mit dem man sich brüsten will, nein, da stimmt einfach alles.
Nach dem Zeltplatz ist vor dem Zeltplatz
Von Flaach gehts weiter nach Bönigen im Berner Oberland. So schwer der Abschied in Flaach, so leicht der Empfang am Brienzersee. Im Vergleich zu Flaach ist dieser Zeltplatz kleiner, aber auch hier hat es zwei zugängliche Bungalows. Ich beziehe eines davon. Der gleiche Bau, aber etwas jünger als derjenige in Flaach. Am deutlichsten spürbar ist das in der Küche. Die Geräte sind top. Allerdings gehe ich auswärts Essen und brauche den Herd höchstens, um Wasser für einen Tee zu kochen.
Der grosse Trumpf an diesem Zeltplatz ist seine Lage. Er liegt direkt am Brienzersee. Die Aussicht auf See und die dahinterliegenden Berge ist phänomenal. Eigentlich wäre es tages- und abendfüllend, einfach an diesem Ufer zu sitzen und auf diese spezielle, so milchig grau-blau schimmernde Fläche zu starren. Der Meditation wären keine Grenzen gesetzt.
Doch irgendwann klopft der Hunger. Birgit Kobler, die Zeltplatzwartin, kennt nicht nur ihr Terrain, sondern auch die Umgebung. Entsprechend empfiehlt Sie uns ein Restaurant in Brienz, wo man gut isst und welches auch mit Rollstuhl zugänglich ist. Birgit und Corinne, diese Zeltplatz-Chefinnen, wissen nicht nur alles, sie sind auch gefühlt rund um die Uhr präsent.
Näher der Natur geht kaum
Wer mit einem Rollstuhl auf einem Zeltplatz ein paar Tage verbringt, ist selbstverständlich angewiesen auf zugängliche Läden und Restaurants in Rolldistanz. Das macht das Leben einfacher. In Brienz ist das problemlos möglich. Vom Zeltplatz aus lässt sich bequem sowohl ins Dorf als auch dem Ufer entlang – allerdings über einen Kiesweg – über die ganze Seepromenade spazieren.
Unvergessen bleibt mir an diesem dreitägigen Zeltplatz-Abenteuer, welches sich im Nachhinein gar nicht mehr so abenteuerlich anfühlt, vor allem die Nähe zur Natur. In Flaach schlief ich zum Konzert der Frösche ein und erwachte mit dem Gesang der Vögel. In Bönigen weckte mich um sechs Uhr das Krähen eines Hahns – und zwei Stunden später lag das Ei seiner Kollegin auf meinem Frühstückstisch. Näher an der Natur geht kaum.
Aber warum heisst es eigentlich zelten? Diese Stoffbehausungen sieht man ja kaum noch. Ein Zeltplatz gleicht heute eher einem Parkplatz, gefüllt mit Wohnmobilen, Caravans, Camper und Bussen. Und eben Bungalows. Dank denen – merci TCS und Stiftung Cerebral – auch Menschen mit Behinderung «zelten» können.
TCS Camping – Campieren in der Schweiz
Mit 26 Plätzen ist TCS Camping der grösste Campinganbieter der Schweiz. Die Standorte verteilen sich quer durchs Land: Seeufer im Mittelland (etwa Sempach, Murtensee, Neuenburgersee), Berglagen in Graubünden und im Berner Oberland, mediterrane Tessiner Plätze am Lago Maggiore und Luganersee – und alles dazwischen. Viele Plätze liegen direkt am Wasser.
Das Angebot reicht vom klassischen Stellplatz für Zelt, Wohnwagen oder Camper bis zu eingerichteten Glamping-Unterkünften, die auf fast allen Plätzen verfügbar sind. Wer keine eigene Ausrüstung mitbringt, findet also trotzdem eine Option. Verschiedene Plätze sind ganzjährig geöffnet – darunter Solothurn an der Aare und das Tessiner Lugano-Muzzano. Self Check-in gibt es aktuell in Buochs (Vierwaldstättersee) und Olivone.
Auf ausgewählten Plätzen – darunter Bern, Bönigen, Sempach, Buochs, Flaach und Sion – stehen in Zusammenarbeit mit der Stiftung Cerebral rollstuhlgängige Bungalows mit barrierefreiem Bad und unterfahrbarer Küchenzeile zur Verfügung. In Sachen Qualität tragen mehrere Plätze das ECOCamping-Zertifikat; Swisstainable-Level 2 bestätigt nachhaltiges Wirtschaften.
Eine Kooperation mit Travelistas