Gold im Einzel, Gold im Doppel
Die beiden Rollstuhl-Badminton-Spielerinnen Ilaria Olgiati und Cynthia Mathez gehören weltweit zu den besten ihrer Sportart. Die Ziele für die European Para Championships 2027 (EPC) in Genf sind dementsprechend hoch.
Die erste Austragung der European Para Championships 2023 in Rotterdam haben die beiden Spielerinnen bestens in Erinnerung. Im Doppel holten die Schweizerinnen den Europameistertitel. Beide Athletinnen gewannen zudem die Silbermedaille im Einzel in ihrer jeweiligen Kategorie. Nicht nur wegen der eigenen Erfolge ist der Anlass den beiden in bester Erinnerung. «Es war wie die Paralympics, nur kleiner. Die Atmosphäre war grossartig und es hat viel Spass gemacht, die Wettkämpfe der anderen aus dem Schweizer Team zu verfolgen», erinnert sich Cynthia Mathez. Die Vorfreude auf die Austragung in der Schweiz ist entsprechend gross, die Ziele hoch. «Gold im Einzel, Gold im Doppel», macht Cynthia Mathez klar, was sie von sich und ihrer Doppelpartnerin erwartet. Der Zuspruch von Familien und Freunden vor Ort wird die beiden zu Höchstleistungen anspornen.
Ilaria Olgiati gelang an den Paralympics 2024 in Paris Historisches. Mit dem Sieg gegen die Japanerin Yuma Yamazaki sicherte sie sich Bronze – die erste Schweizer Badminton-Medaille an Paralympischen Spielen.
Der daraus entstandene Medienrummel war für die Athletin, die seit 2022 als Profi lebt, eine neue Erfahrung. Die EPC in Genf sollen diese Aufmerksamkeit zurückbringen. «Ich hoffe, dass wir mit unseren Leistungen und der Atmosphäre vor Ort Menschen für unseren Sport begeistern», sagt Ilaria Olgiati und fügt an «Besonders schön wäre es, wenn wir dadurch auch neue Spielerinnen und Spieler gewinnen. Vielleicht fühlen sich Menschen motiviert, selbst einmal zum Schläger zu greifen. Das wäre für unsere Sportart ein grosser Gewinn und eine nachhaltige Wirkung über die EPC hinaus.».
Er bestritt schon Kletterwettkämpfe, als es noch keine Para-Kategorie gab
1996 wurde Dominic Geisseler Jugend-Vize-Schweizermeister im Sportklettern – in einem Feld von Athleten ohne Behinderung. 30 Jahre später ist der Elektroingenieur aus Pratteln Para-Europameister. An der Heim-EM 2027 in Genf will er seinen Titel verteidigen.
Dominic Geisseler ist Elektroingenieur und Familienvater. Daneben trainiert er bis zu sechsmal pro Woche. 2027 startet er in seine fünfte Saison im internationalen Para-Klettern in der Kategorie AU3 für Athletinnen und Athleten mit Einschränkungen im Bereich der Hand. Ihm fehlen seit seiner Geburt an der linken Hand acht und an der rechten sieben Fingerglieder.
Klettern begleitet Dominic Geisseler seit seiner Jugend. Ein Onkel brachte ihn und seinen Bruder an den Fels. Der Sport packte ihn, und bald nahm er an Wettkämpfen teil. An den Jugend-Schweizermeisterschaften 1996 wurde er Zweiter. Ob es an den Wettkämpfen für ihn gut lief oder nicht, hing aber stark von den Griffen ab: Manche konnte er unmöglich halten. Geisseler verlor die Lust am Klettern in der Halle, kletterte vor allem draussen, machte immer längere Routen und landete im Alpinismus.
Als das Para Climbing Team des Schweizer Alpen-Club SAC Jahrzehnte später Athletinnen und Athleten suchte, musste er sich zuerst damit auseinandersetzen, dass er offiziell als Sportler mit Behinderung gilt. Er selbst sah sich nicht so. Heute ist er einer der erfolgreichsten Athleten des Teams: An 14 internationalen Wettkämpfen stand er 13-mal auf dem Podest.
Ein Höhepunkt der nächsten Saison ist die Heim-EM: die European Para Championships vom 2. bis 15. August 2027 in Genf. Dort will Geisseler seinen Europameistertitel verteidigen, den er 2026 im französischen Laval holte. Seit Jahren vorne mitzuhalten, fordert ihn: «Das Teilnehmerfeld wird immer grösser und stärker», sagt Geisseler. Doch seine Erfahrung hat sich bisher ausgezahlt.
EM in der Heimatstadt
Ein Titelwettkampf in der eigenen Stadt? Für den Genfer Lény Elizarov (16), Nachwuchstalent im Rollstuhl-Tischtennis könnte dieser Traum an den European Para Championships im Sommer 2027 in Erfüllung gehen.
Lény Elizarov hielt 2022 erstmals einen Tischtennisschläger in der Hand. Im Rahmen des Ferienpasses nahm er an einem Kurs teil. Der junge Mann hat Talent. Vier Jahre später ist er Teil des Nachwuchskaders von Rollstuhlsport Schweiz unter Nationaltrainer Fabrice Descloux. Im August bestritt Lény Elizarov sein erstes internationales Turnier in Finnland. Der junge Athlet kehrte voller Eindrücke nach Hause: «All die Athleten aus verschiedenen Ländern zu treffen und zu sehen, wie sie trainieren, hat mich sehr motiviert. Für mich war ja alles neu.»
Lény Elizarov, der mit einer Muskelerkrankung lebt, spielt in der Wettkampfklasse 2. Hier spielen Personen im Rollstuhl mit verminderter Rumpfstabilität und Armkraft, die aber ihre Arm- und Handbewegung koordinieren können. «Wenn jemand wie ich weniger Kraft aufwenden kann, hat das Spiel eine andere Dynamik. Taktik steht im Vordergrund», erklärt er. Und diese Taktik fasziniert den Nachwuchsspieler: «Die Anstrengung ist kurz und intensiv. Ich muss gut überlegen, wie ich den Ball spiele.»
Der Athlet steckt viel in sein Training, um irgendwann Erfolge zu feiern. Eine Teilnahme an den European Para Championships 2027 wäre etwas ganz Besonderes für den Genfer «Ich wäre wahnsinnig stolz, wenn ich in meiner Heimatstadt vor Freunden und meiner Familie spielen könnte.» Und auf die Teilnahme an der Europameisterschaft sollen später einmal Weltmeisterschaften und die Paralympics folgen. Visionen eines ambitionierten Tischtennistalents.
Vor Heimpublikum ein Ausrufezeichen setzen
Wayra Huber (24) und ihre Mitspielerinnen trauen sich eine EM-Medaille im Rollstuhl-Basketball zu. Die European Para Championships 2027 in Genf lösen dabei hoffentlich eine Euphorie für den Parasport aus.
Wayra Huber war bereits an der ersten Austragung der European Para Championships 2023 in Rotterdam dabei – allerdings auf den Zuschauerrängen, um ihre männlichen Kollegen anzufeuern. 2027 ist da anders. Im Spielmodus 3x3 wird die Schweiz auch ein Frauenteam mit ins Rennen um den Europameistertitel schicken.
«Als ich mit Basketball anfing, hiess es, das wird als Frau schwierig», erinnert sich Wayra Huber. Mittlerweile haben sich mehrere Spielerinnern etabliert. Zu verdanken ist das auch dem neuartigen Format 3x3. Drei gegen Drei, auf halbem Feld, 10 Minuten non stop. Das verspricht Action fürs Publikum, erleichtert aber auch die Arbeit der Verbände. «Viele Nationen kriegen drei bis fünf gute Spielerinnen zusammen, während es für ein reguläres Team nicht reicht», erklärt die Athletin. An den 3x3-Turnieren mischen folglich andere Nationen mit als im regulären Spiel Fünf gegen Fünf.
Im Schweizer Damen-Nationalteam 3x3 steckt viel Arbeit. Für Wettkämpfe reist das Team um den Globus. «Aber wer schaut schon den Livestream aus Südafrika?», fragt sich Wayra Huber. Ein Titelwettkampf auf heimischem Boden hingegen sei etwas ganz Besonderes. Für bescheidene Ziele haben die Basketballerinnen nichts übrig. «Wir haben nun die letzten drei, vier Jahre viel in unseren Aufbau investiert und hoffen, dass wir in Genf vor einem grossen Publikum ein Ausrufezeichen setzen können. Wir wollen nichts weniger als eine Medaille.» Und noch etwas erhofft sich Wayra Huber: «In Rotterdam hat die Multisport-EM für viel Aufsehen gesorgt. Das wünsche ich mir auch in der Schweiz. Meine Sportart findet in den Medien kaum statt.»