Wie lief eine Bauberatung vor 30 Jahren ab?
Dominik Widmer (DW): Eigentlich gleich wie heute. So früh wie möglich besuchten wir mit dem Patienten und der Ergotherapeutin seine Wohnung.
Marcel Strasser (MS): Wir haben im Unterschied zu heute mit einer analogen Kamera Fotos gemacht, möglichst viele, damit der Film schnell voll war und entwickelt werden konnte.
Felix Schärer (FS): Und wir sind mit Papierkarten durch die Schweiz geirrt.
Was hat sich in der Baubranche getan?
MS: Es ist schwieriger geworden, Handwerker zu finden, die Zeit haben; vor allem in städtischen Gebieten.
FS: Früher haben wir in Badezimmern Bleiwannen eingebaut. Die Handwerker hatten keine Ahnung, wie sie das machen sollten. Heute bringt eine begehbare Dusche keinen Sanitär mehr ins Grübeln.
Wird heute hindernisfreier gebaut?
FS: Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz von 2004 hat sich ein bisschen was verbessert, vor allem im Wohnungsbau. Aber das Angebot entspricht noch längst nicht der Nachfrage.
MS: Gerade Badezimmer sind schon hindernisfreier geworden. Die Räume wurden grosszügiger und bodenebene Duschen chic. Heute schätzen es auch Fussgänger, wenn sie nicht mehr über eine hohe Badewannenwand steigen müssen.
Was hat sich vereinfacht im Vergleich zu früher?
DW: Heute gibt es viel mehr technische Möglichkeiten zur Automatisierung. Die Bedienung erfolgt direkt über das Smartphone. Früher brauchte es ein extra Gerät, die Zielgruppe war klein und es gab nur wenige Anbieter. Heute rüsten immer mehr Menschen ohne Behinderung ihr Zuhause mit technischen Spielereien aus. Für unsere Kundschaft jedoch sind das keine Spielereien, sondern die Grundlage, um selbstbestimmt zu wohnen.
Wie hat sich eure Klientel verändert?
MS: Vor 25 Jahren waren komplett gelähmte Paraplegiker die Mehrheit. Heute haben wir einen deutlich höheren Anteil an inkomplett gelähmten Personen.
Was bedeutet das für eure Arbeit?
MS: Sobald die Person das Spitalbett verlassen kann, führen wir die Wohnungsabklärung durch. Zu diesem frühen Zeitpunkt ist oft ungewiss, welche Fähigkeiten die Person während der Rehabilitation wiedererlangen wird. Konkret heisst das, wir müssen mehrere Varianten planen. Vielleicht ist die Person dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen, vielleicht kann sie einen Absatz aber auch zu Fuss meistern. Sobald wir an Handwerker Aufträge erteilen, müssen wir entscheiden, was wir umsetzen. Es braucht heute viel individuellere Lösungen als vor 20 Jahren.
DW: Erschwerend kommen da die kürzeren Rehazeiten hinzu. Heute ist es fast nicht mehr möglich, einen Umbau so fertigzustellen, dass die Person bei Spitalentlassung direkt nach Hause kann. Oftmals braucht es Übergangslösungen in Pflegeheimen.
Wann ist eine Beratung für euch unbefriedigend?
FS: Manchmal gibt es einfach keine Lösung und der Aufwand für einen Umbau ist zu gross. Dem Gegenüber dann zu erklären, dass sie am besten eine neue Bleibe suchen, ist keine einfache Aufgabe.
MS: Wir haben viel Erfahrung und wissen, was eine gute Lösung ist und was nicht. Wenn die Kundschaft dann auf der schlechten Lösung beharrt, ist das ärgerlich. Ein dreistöckiges Haus für eine Person im Rollstuhl mit einem Sitzlift zu erschliessen, ist unsinnig. Es braucht jedes Mal einen Transfer, auf jedem Stockwerk einen Rollstuhl. Aber wir geben letztlich nur eine Empfehlung ab. Die Kundschaft und natürlich die Geldgeber entscheiden, was umgesetzt wird.
Wo fehlt es noch an einer guten Lösung?
FS: Es gibt sogenannte Homelift-Anlagen, die sind zwar kompakt, aber mit 15 cm pro Sekunde ziemlich langsam. Reguläre Aufzüge bewegen sich über einen Meter pro Sekunde, brauchen aber viel mehr Platz. Eine Kombi aus beidem würde ich mir wünschen.
DW: Im öffentlichen Raum ist immer noch vieles im Argen. Da fehlt es aber nicht an den Lösungen, sondern an der Umsetzung.
2025 feierte das Zentrum für hindernisfreies Bauen sein 30-jähriges Bestehen. Braucht es euch in 30 Jahren noch?
MS: Die Bausubstanz ändert sich ja nicht so schnell. Ein Gebäude hat eine Lebensdauer von 40, 50 Jahren oder noch mehr. Solange Menschen in alten Bauten wohnen, wird es uns brauchen, und auch für individuelle Anpassungen.
FS: Ein Umdenken in der Immobilienbranche ist dringend nötig. Wenn Hindernisfreiheit von Anfang an mitgedacht wird, wirds nicht teurer. Hindernisfreier Wohnraum nützt allen.
Rufen Sie uns an +41 62 737 40 00 oder
(Von Nadja Venetz, Paracontact 1/26)