Im Sommer 2025 hält er es endlich in den Händen, sein Diplom zum Fahrradmechaniker EFZ. Der Weg dahin war holprig. «Ich war kurz davor abzubrechen und psychisch ziemlich am Ende», sagt Emiglio Pargätzi rückblickend. Er ist stolz auf die bestandene Prüfung, aber auch erleichtert, dass diese schwierige Lebensphase hinter ihm liegt.
Der heute 22-Jährige wächst im bündnerischen Lüen auf; ein Dorf bei Arosa mit knapp 80 Einwohnern. Die ersten Primarschuljahre verbringt er im Schulheim in Chur. Die Schule im Tal ist auf ein Kind im Rollstuhl nicht vorbereitet. Emiglios Mutter kämpft dafür, dass ein Treppenlift eingebaut wird, sodass ihr Sohn ab der dritten Klasse dieselbe Schule wie alle anderen Kinder im Ort besuchen kann. Erst für die Oberstufe fährt er wieder nach Chur; mit dem Taxi. «Ich war ein ruhiger und unauffälliger Schüler», beschreibt er sich selbst.
Weg von zu Hause
Mit 17 Jahren zieht er nach Schenkon LU und ist einer der ersten Bewohner der ParaWG. «Ich habe die WG als grosse Chance gesehen, mich weiterzuentwickeln und mich von zu Hause zu lösen. Bis hierhin habe ich höchstens die Farbe meines Rollstuhls ausgewählt.» Durch die ParaWG kommt er in Kontakt mit Silvia Affentranger, Sozialarbeiterin der SPV. Sie geht in der Sozialberatung die eher uncoolen Themen des Erwachsenenlebens mit den WG-Bewohnern an: Sozial- und Krankenversicherungen, Steuererklärung, Hilfsmittelversorgung usw.
Emiglio will die Zusammenhänge und Leistungen der Sozialversicherungen und deren Abläufe verstehen und die Administration selbst übernehmen. Damit nimmt er aber seiner Mutter etwas weg. Über all die Jahre hat sie sich darum gekümmert, dass ihr Sohn zu den Leistungen kommt, die ihm zustehen, und sich ein System aufgebaut. Dieses ist jedoch für Emiglio weder logisch noch praktisch. «Ich brauche keine 50 Ordner in meiner Wohnung. Ich will ein papierloses Leben.» Regelmässig trifft er sich allein mit Silvia Affentranger und baut mit ihrer Unterstützung seine eigene Ablage auf, digital auf seinem Laptop. Seiner Mutter jedoch fällt es schwer, loszulassen. Emiglio zeigt sich heute gnädig: «Meine Mutter legte eine steile Lernkurve hin.» Die Wogen zwischen den beiden haben sich längst geglättet.
Auf keinen Fall ins Büro
Die Bewohner der ParaWG lernen nicht nur, was es heisst, selbstständig zu wohnen, sondern werden von ParaWork in der Berufswahl begleitet. Perspektivenjahr nennt sich das. Emiglio macht ein Praktikum in einem Büro und stellt bald fest, dass ihn die Tätigkeiten langweilen. Und sowieso wehrt er sich gegen die Vorstellung, dass der einzige Arbeitsort für einen Rollstuhlfahrer am Schreibtisch ist. Stattdessen will er Velomechaniker werden. Als begeisterter Rollstuhlskater schraubt er oft selbst an seinem WCMX-Stuhl, warum also nicht das Handwerk von Grund auf lernen?
Er schnuppert in mehreren Betrieben in den Beruf rein, aber von diesen sind dann doch die wenigsten bereit, ihre Lehrstelle mit einem Rollstuhlfahrer zu besetzen. Er könne ein Velo, das er geflickt habe, ja doch nicht Probe fahren; so oder ähnlich klingen die Begründungen. Emiglio schreibt viele Bewerbungen, bis er seinen Ausbildungsplatz bekommt. Bevor er seine Lehre beginnt, absolviert er im selben Betrieb ein sechsmonatiges Praktikum. Es soll dazu dienen, herauszufinden, was angepasst werden muss.
Rückblickend meint Emiglio: «Ich hätte noch in andere Berufe reinschnuppern sollen.» Im zweiten Lehrjahr verliert er die Freude, kann sich kaum noch motivieren. «Ich habe überhaupt keinen Sinn dahinter gesehen, warum ich dieses oder jenes lernen soll. Entsprechend schlecht war meine Leistung.» Er tauscht sich intensiv mit seiner Jobcoachin von ParaWork aus. Statt abzubrechen, entschliesst er sich, durchzubeissen. Viel zu lange hat er nach dieser Lehrstelle gesucht, und was ist schon ein Jahr. «Es geht schon, es muss irgendwie gehen», sagt er sich. Aber es wird ein schwieriger Abschnitt, vor allem auch weil er keine Zeit für seinen Ausgleich hat: WCMX.
Emiglio probiert die Sportart zum ersten Mal, als er vor knapp zehn Jahren an der Jugendreha im Schweizer Paraplegiker-Zentrum teilnimmt. Am gleichzeitig stattfindenden Leichtathletik-Grand-Prix ParAthletics zeigt der deutsche WCMX-Pionier David Lebuser auf Rampen und Rails sein Können. Und Emiglio unternimmt selbst erste Versuche. Zu dieser Zeit gibt es jedoch in der Schweiz noch keine Strukturen für WCMX.
Erst als er in die ParaWG einzieht, etabliert Marco Bruni, Leiter Athletenentwicklung bei der SPV, diese Sportart. Die damalige Leiterin der ParaWG stellt den Kontakt her und Emiglio wird einer der ersten WCMX-Athleten des Landes. Er hat vorher schon gerne Sport gemacht, aber weder Basketball noch Leichtathletik packen ihn wirklich. Bei WCMX ist das anders. «Kreativität, Action und Schnelligkeit, Geschicklichkeit; der Sport vereint alles», schwärmt der Bündner, der heute zum A-Kader gehört.
Mehr Selbstbewusstsein
Und noch etwas gefällt ihm: Er kann mit seinem Rollstuhl Grenzen ausloten, zeigen, was alles möglich ist. Das machte er schon vorher gern, vorwärts Treppen oder einen steilen Wanderweg runterfahren, mit Karacho über einen Bordstein springen.
«Als WCMX-Athlet kann ich auch ein Vorbild sein für Personen, die sich schämen für ihren Rollstuhl. Ich habe mich früher auch nicht wohl gefühlt mit mir selber und habe mich zu Hause verkrümelt», sagt Emiglio. Die Sportart verändert den schüchternen Teenager. «Kaum hatte ich einen Helm auf dem Kopf, wurde ich zur Rampensau. Der Sport hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben. Ich bin heute ein ganz anderer Mensch.»
Die Struktur seiner Ausbildung lässt jedoch kaum Platz für seine sportlichen Ambitionen. In den warmen Sommermonaten, die ideal für den Skatepark wären, herrscht Hochbetrieb in der Velowerkstatt. «Ich konnte nicht mehr trainieren, wie ich wollte, dann konnte ich nicht mehr das abliefern, was ich von mir gewohnt war.» Die Leistungen werden auch im Sport schlechter. Das macht Emiglio noch unzufriedener.
Mit Ach und Krach besteht er im Sommer 2025 seine Prüfungen. Er ist froh, hat er nun ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis, aber als Velomechaniker zu arbeiten, das kann er sich nicht mehr vorstellen. Aktuell ist er mit der Unterstützung von ParaWork auf Stellensuche. Eine neue Arbeitsstelle muss sich mit seinen sportlichen Zielen vereinbaren lassen. Zudem absolviert er die Leiterausbildung im Behindertensport. Er möchte die Sportart, die aus ihm einen anderen Menschen gemacht hat, an andere weitergeben.
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(von Nadja Venetz, Paracontact 1/26)