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Leichtathletik

Goldener Marathonherbst

Ganz entsprechend dem Wetter zeigte sich der Marathonherbst 2017 in Gold für unsere Schweizer Marathonspezialisten.

 

Manuela Schär und Marcel Hug dominierten die Konkurrenz mit zwei beziehungsweise drei Siegen. Damit bringen sie sich in die Poleposition für den Sieg in der Abbott World Marathon Majors Wertung. Für Manuela Schär gilt es die starke amerikanische Konkurrenz in Schach zu halten. Marcel Hug ist der Titel kaum noch zu nehmen, wenn er sich auch 2018 in solch einer Leichtigkeit gegen seine Widersacher durchzusetzen vermag.

 

Berlin, 24. September
Seit der Berlin Marathon auch für die Rollstuhlkategorie zur Abbott World Marathon Majors Serie gehört, erlebt dieser Marathon wieder einen grossen Aufschwung. War Berlin doch in früheren Jahren ein wichtiger Anlass für die Rollstuhlleichtathletik, verlor dann aber immer mehr an Bedeutung und Teilnehmern in dieser Kategorie. Das hat sich nun aber erfreulicherweise unter den neuen Bedingungen in den letzten zwei Jahren deutlich verbessert.


Bei den Frauen waren Manuela Schär, Sandra Graf und Patricia Keller am Start und somit auf der Jagd nach Majors-Punkten.


Manuela konnte sich bereits nach ca. 7 km von Sandra absetzen und das Rennen in einer Zeit von 1:40.05 mit einem Vorsprung von 5 Min.19 Sek. deutlich für sich entscheiden, was ihr 25 Punkte in der Abbott World Marathon Majors Wertung einbrachte.


Sandra erreichte den zweiten Platz in der Zeit von 1:45.24 und Patricia wurde Vierte mit 1:57.27.


Ein kleiner Wermutstropfen war, dass die beiden Amerikanerinnen Tatyana McFadden und Amanda McGrory den Start verpassten, da ihr Air Berlin Flug gecancelt wurde: «aufs falsche Pferd gesetzt…»!


Im Männerrennen verabschiedete sich Marcel Hug gleich nach dem Start von all seinen Kollegen und baute seinen Vorsprung auf die Verfolgergruppe kontinuierlich über die 42,2 km bis zum Brandenburger Tor auf 3 Min. 39 Sek. aus: 25 Punkte und eine Zeit von 1:29.03.


Auf dem zweiten und dritten Treppchen die Japaner Hokinoue und Yoshida, 4. Platz für Heinz Frei.


Chicago, 8. Oktober
Bei herrlichem Wetter und milden Temperaturen meldeten sich die Amerikanerinnen in Chicago wieder zurück.


Im Frauenrennen nahm eine Vierergruppe – Manuela, Tatyana, Amanda und Madison de Rozario – bereits kurz nach dem Start «das Heft in die Hand» und fuhr ein eigenes Rennen. Hier war besonders Manuela sehr aktiv, vermochte sich aber nie von den anderen abzusetzen, so kam es unweigerlich zum grossen «Showdown» - zum alles entscheidenden Zielsprint. Manuela führte wenige hundert Meter vor dem Ziel die Gruppe an, eine Rechtskurve gefolgt von einem kleinen Brückenübergang und diese kurze Steigung erlaubte es Tatyana ihr sehr grosses Kraftpotential auszuspielen und an die Spitze zu preschen. Die nur noch ca. 200 m nach einer erneuten 90° Richtungsänderung bis zur Ziellinie waren für Manuela zu kurz, um noch einmal an die Spitze zu gelangen. Ein etwas ärgerlicher dritter Platz in der sehr guten Zeit von 1:39.17 unmittelbar hinter den beiden Amerikanerinnen.


Sandra beendete zusammen mit der Engländerin Samantha Kinghorn und der Amerikanerin Susannah Scaroni die 42,2 km in der Zeit von 1:44.03 auf dem 6. Platz.


Marcel bestritt dieses Jahr erstmals als «Warmup» am Donnerstag vor dem Marathon in Ottawa das «Rolling Rampage on the Hill», ein über 18 Runden führendes 10 km Rennen direkt vor dem Kanadischen Parlamentsgebäude. Da der Kurs mit vier rechtwinkligen Kurven und je einer Steigung und Abfahrt technisch recht anspruchsvoll und somit auch nicht ganz ungefährlich ist – in den vergangenen Jahren gab es des Öfteren Unfälle -  ging Marcel das Ganze sehr kontrolliert an, erhöhte dann in der zweitletzten Runde die Pace und gewann dieses Einlagerennen souverän.


In Chicago präsentierte sich dann die Ausgangslage etwas anders. In einem sehr stark besetzten Männerfeld blieb sehr lange eine bis zu 16 Fahrer grosse Gruppe zusammen. Mehrere Attacken von Marcel wurden regelmässig von japanischen «Jäger» zu Nichte gemacht. Doch wie sagt das Sprichwort: «Steter Tropfen höhlt den Stein»! Ein weiterer Angriff kurz vor Kilometer 35 war erfolgreich und Marcel konnte sich entscheidend absetzen. Zwar versuchte die zehnköpfige Verfolgergruppe noch einmal alles, aber jetzt zeigte sich Marcels Klasse. Er distanzierte seine Verfolger bis ins Ziel um eine Minute! Den Verfolgersprint konnte der grosse Routinier Kurt Fearnley für sich entscheiden.


Oita, 29. Oktober
Die fast 500 000 Einwohner zählende Stadt Oita auf der südlichsten japanischen Insel Kyūshū an der Beppu-Bucht ist bei den Rollstuhlmarathonfahrern ein Begriff. Seit 1981 findet hier der grösste, reine Rollstuhlmarathon der Welt statt. Für die diesjährige 37. Austragung führte die Startliste die Namen von 84 Fahrerinnen und Fahrern für den Marathon und 174 im Halbmarathon auf. Auf dieser Startliste auch die Schweizer Manuela Schär und Patricia Keller, Marcel Hug und Heinz Frei sowie Hugo Müller und Vince Cavicchia, die schon fast traditionell jedes Jahr hier den Halbmarathon absolvieren.


Nach einer sehr, sehr langen Anreise – 12 Stunden Flug nach Tokyo, gut einstündiger Bustransfer zum Flugplatz Haneda, Zweistundenflug nach Oita, gut einstündige Busfahrt zum Hotel – startete der Event mit grosser Eröffnungsfeier mit Musik und Reden und einer «Parade der Athleten» (für uns etwas gewöhnungsbedürftig), gefolgt von Pressekonferenz und Interviews.


Zwar fällt leichter Regen, was bei einigen Athleten etwas Kopfzerbrechen zu bewirken scheint, aber für die regenerprobten Schweizer eher eine zusätzliche Motivation.


Und dann am Sonntagmorgen beim Eintreffen zum Frühstück:
Sunday, October 29th, 2017


Regarding the cancellation of the  37th Oita International Wheelchair Marathon


The Oita Meteorological Office announced a high wind storm warning for Oita City early this morning. Upon patrolling the course before the race, we found fallen branches and puddles of water on the roads, which would obstruct the safe holding of the race. After consultation with the race's technical delegate (Chief Director, Executive Board, Japan Para Athletics), we officially cancelled the race at 7:00am on October 29th.


Shinichi Mitsunobu


Chief Coordinator 37th Oita International Wheelchair Marathon Organizing Committee


«Ausser Spesen nichts gewesen …» der 38. Oita International Wheelchair Marathon kann kommen.


New York, 5. November
Kaum zu Hause gilt es für Manuela und Marcel mit dem neu gepackten Koffer wieder ab zum Flughafen – diesmal in die andere Richtung – nach New York, dem wohl grössten und prestigeträchtigsten Marathon der Welt mit über 50 000 Startenden – aber auch dem härtesten Rollstuhlmarathon als Abschluss der Saison. Freitag und Samstag mitten im während 24 Stunden pulsierenden Manhattan mit Pressekonferenz, Foto- und Interviewterminen und dem Technical Meeting bei für diese Jahreszeit unüblichen sehr milden Temperaturen folgt ein Wetterumschlag in der Nacht auf Sonntag, «leichter Regen am Morgen möglich…»


Gut auf alle möglichen Szenarien vorbereitet geht’s um 5 Uhr mit den Bussen zum Start in Staten Island.


08:30 Start der Wheelchair Division Men – 2 Minuten später die Frauen – mit einem gewaltigen Böllerschuss und gleich vom Start weg geht es auch gewaltig zur Sache, ein sehr steiler Aufstieg über fast 1,5 km auf der Verrazano Narrows Bridge gefolgt von einer rasanten Abfahrt, weiter durch alle New Yorker Stadtteile Brooklyn, Queens, the Bronx zum Ziel im riesigen, wunderschönen Central Park auf Manhattan.


Marcel konnte sich zusammen mit dem Kanadier Josh Cassidy bereits nach der Brücke vom Feld absetzen, doch je länger das Rennen dauerte umso mehr Mühe bekundete Josh mit der nötigen Pace, um den Vorsprung ins Ziel zu retten. Also sah sich Marcel gezwungen kurz vor Kilometer 35 das Tempo zu erhöhen und Josh – der sich dann leider bis zum Ziel noch von sieben Fahrern ein- und überholen lassen musste - sich selber zu überlassen.


Um 10:07:21 überquert Marcel die Ziellinie im Central Park mit einer Zeitreserve von 2 Min. 19 Sek., sein dritter Sieg nach 2013 und 2016 und sehr verdiente weitere 25 Majors Punkte.


Manuela zeigt ein ausgesprochen aktives und sehr mutiges Rennen, was sich erfreulicherweise auszahlt. Zwar vermag Tatyana beim Startaufstieg etwas wegzuziehen, doch bereits am Ende der Abfahrt wird die Ausreisserin von Manuela und Amanda wieder gestellt.


Bei Kilometer 19 lanciert Manuela einen weiteren starken Angriff und kann sich von den beiden Amerikanerinnen lösen, die nun mit gemeinsamen Kräften versuchen wieder heranzukommen. Dies gelingt Tatyana auch, jedoch ohne ihre Landsfrau – wie könnte es anders sein - in einer starken Steigung auf eine Brücke bei Kilometer 25. Doch oben angekommen kontert Manuela kompromisslos und zieht erneut weg. Auf den noch zu absolvierenden 17 Kilometern baut die Schweizerin ihren Vorsprung kontinuierlich aus und siegt erstmals in New York überlegen mit 2 Min. 52 Sek. Vorsprung und revanchiert sich so eindrücklich für Chicago und vor allem mit 25 sehr wertvollen Majors Punkte auf dem Konto!


Schweizer Doppelsieg – das ist goldener Herbst!


Leider konnte weder Manuela noch Marcel am Montag der Einladung zum NYC After Marathon Brunch auf dem Schweizer Generalkonsulat Folge leisten, denn es gibt einen Marathon nach dem Marathon. Aber Frau Rosina Colazzo-Franzese hat sich über diesen Verhinderungsgrund sehr gefreut. Herzlichen Dank dem Schweizer Generalkonsulat in New York für die Einladung und vielleicht kommen die beiden auch nächstes Jahr wieder nicht zum Brunch?


ABBOTT World Marathon Majors Leaderboard (Stand Ende 2017)
Men's Wheelchair Series XI
1. Marcel Hug SUI 91 P
2. David Weir GBR 25 P
3. Kurt Fearnley AUS 25 P
4. Sho Watanabe JPN 25 P


Women's Wheelchair Series XI
1. Manuela Schär SUI 84 P
2. Amanda McGrory USA 41 P
3. Tatyana McFadden USA 41 P
4. Sandra Graf SUI 16 P


In dieser Serie XI stehen noch die Marathons in Tokyo (25.02.2018), Boston (16.04.2018) und London (22.04.2018) aus, dann wird abgerechnet: 4 Wertungen aus 7 Marathons. Für Manuela und Marcel sieht es sehr gut aus!


Herzliche Gratulation und eine gute Vorbereitung auf die Saison 2018!


Paul Odermatt

 

Ausgabe: 11/2017